Humusaufbau

Grundlegendes zum Wachstum der Pflanzen. Ein Plädoyer fürs genauere Hinschauen

Das Verständnis des Bodens spielt eine Schlüsselrolle für den nachhaltigen Umgang mit der Natur, insbesondere dort, wo wir sie kultivieren, also Landwirtschaft betreiben. Die Bewahrung der Sortenvielfalt braucht fundierte Kenntnis über den Zusammenhang der Pflanze mit dem Boden. Wer glaubt, Pflanzen (gesund?) erhalten zu können durch sogenannten Pflanzenschutz, glaubt vielleicht auch, dass die entsprechenden Mittel für den Menschen (...) unbedenklich sind. Hier soll aber nicht darum gehen, den Pflanzenschutzgedanken zu widerlegen, sondern zu mehr Aufmerksamkeit für den Boden anzuregen im Hinblick auf das, was uns alle interessieren muss: die Vitalität unserer Pflanzen.


Ein guter Boden ist schwarz1. Was den Boden schwarz macht ist Humus. Der Humus hat seine Farbe von eiweißartigen Substanzen unterschiedlichster Art. Der Humusgehalt eines Bodens ergibt sich als ein dynamisches Gleichgewicht zwischen aufbauenden und abbauenden Bodenprozessen. Der Humusgehalt nun ist eine entscheidende Größe für die Fruchtbarkeit eines Bodens und der Qualität des Pflanzenwachstums. Dabei kommt es sehr darauf an, wie der Humus in sich strukturiert ist. Eine bestimmte Humusstruktur ermöglicht ein starkes, aber ausgewogenes Wachstum. Ist der Humus in sich nicht stabil, was ja bei so mancher Düngung der Fall ist, können die Pflanzen genauso stark wachsen, sind aber ihrerseits auch nicht stabil, es kommen Blattläuse, Pilze, der Geschmack ist weniger ausgeprägt usw.


Was ist Humus? Um sich dem anzunähern, kann man sich damit befassen, wie der Boden, und im Boden der Humus, immer wieder ein bestimmtes Verhältnis von Kohlenstoff und Stickstoff herzustellen versucht (ca. 10 zu 1) und wie sich in der Humussubstanz auch immer ein charakteristisches Verhältnis der Aminosäuren einstellt2. Kurzum, der Humus ist diagnostizierbar als ein Organismus, der fein verteilt den Boden durchzieht, ja, der den Boden erst zum Boden macht. Aus ihm heraus bilden sich, im besten Falle symbiotisch, sonst parasitär, die Pflanzen. Störungen des Bodens übertragen sich unmittelbar auf die Pflanzen. Die Pflanzengesundheit ist unmittelbar abhängig davon, wie der Humus organisiert ist.
Für die Entstehung von Boden müssen verschiedene Elemente zusammen kommen. Ton, Kalk, Luft und Wasser (...), auch Sand gehört dazu. Ein Boden wird erst daraus, wenn dieses Gemenge von Wachstumsprozessen durchzogen wird, mit Pflanzenwurzeln. Dadurch entsteht ursprünglich Humus.


Für den Anfang ist es wohl am besten, die Verbindung von Ton und Humus zu verfolgen, Für jeden Boden, der unserer Ernährung dient, kommt es daraus an, dass diese Verbindung gelingt. Die Wissenschaft spricht vom Ton-Humus-Komplex. In dieser Verbindung erreicht der Humus eine besonders stabile, leistungsfähige Form. An den Wurzeln wogt unablässig, rhythmisch ein Auf und Ab von Wachstum und Sterben, dass in allerfeinster Weise den Boden durchzieht. Das wird spätestens dann augenfällig, wenn eine ganze Pflanze abstirbt und ihr Substanz zersetzt, umgebaut, verdaut wird: das Wurzelgeflecht verwandelt sich in ein Humusadernetzwerk. Andere Pflanzen und Tiere folgen mit Vorliebe diesen Strukturen und vertiefen sie. Daran wird klar, dass das Vergehen, besonders das rhythmische Absterben von Pflanzen für den Humusaufbau von Bedeutung ist. Auf Obstwiesen geschieht das meist zu wenig, die Verhältnisse werden statisch; wenn man einen Baum nachpflanzt, bleibt er sitzen. Andererseits muss aber auch jedes Absterben vom Leben empfangen werden, damit es nicht einfach verloren geht. Eine Vielfalt von Pflanzen sollte da sein um zu allen Jahreszeiten und Situationen, in allen Bodenschichten Leben zu entfalten, Vergangenes aufzunehmen. Jede Art hat ihre besondere Fähigkeit an diesen Prozessen teilzunehmen. Deshalb braucht eine ausgewogene Bodenentwicklung ein Mit- oder wenigstens ein Nacheinander von möglichst verschiedenen Pflanzen. Besonders kommt es auf die Leguminosen an, von denen eigentlich immer etwas wachsen sollte. Schauen Sie mal auf einer Obstwiese, wo die Bäume nicht so recht wachsen wollen, wie es um die Leguminosen steht.


Wenn man die Spur von Ton und Humus weiter verfolgt, muss man letztlich zum Regenwurm kommen. Regenwürmer wirken regulierend auf alle Prozesse im Boden. Entlang ihrer Tätigkeit finden Luft und Wasser, Stickstoff und Humus optimalen Ausgleich und Verteilung. Sie ernähren sich von Pflanzenresten und nehmen sie zusammen mit dem umliegenden Erdreich auf. Daraus entsteht in ihrer Verdauung die vollendete Ton- Humusverbindung - auf tierische Art. Es gibt eine moderne Ackerbauströmung3, die sich mit großem Erfolg an den Regenwürmern orientiert. Das führt bis dahin, dass Steine auf dem Acker abtauchen, einfach ob der Menge Regenwurmkots, die auf der Oberfläche die von den Tierchen aufgetürmt wird.
Die Orientierung am Regenwurm ist auch für die Arbeit mit Bäumen ein geeigneter Ansatz, um Humus aufzubauen. Was bereits von den Wurzelprozessen gesagt wurde - vielfältiger Bewuchs und Erneuerung durch rhythmisches Absterben - ist ganz genau passend für die Würmer. Man darf sie behandeln wie ein Kuh: Kein Stress, immer genug Wasser und regelmäßig reichlich saftiges Futter. Man darf also den Aufwuchs nicht überständig werden lassen, sonst verlangsamen sich die Prozesse erheblich, sie „kauen“ zu lange darauf herum. Mit Leguminosen (Luzerne!) gelingt das am besten, weil Ihre Struktur lange weich bleibt. So wirken die Dinge dann zusammen. In den Obstanlagen sollte das leicht umzusetzen sein, weil die Arbeiten ganz ähnlich schon so stattfinden. Es bleibt nur genauer zu bestimmen, was da wächst, wann gemäht oder wie (minimal) bearbeitet wird. Und außerdem: nichts wegschleppen. Über Kurz oder Lang wird alles wieder in den Boden eingebaut.


Die Prozesswelt des Bodens ist ungeheuer komplex. Sie ist auch wirklich überall unterschiedlich. Deshalb muss alles Eingreifen in die Prozesse auf einer möglichst breiten Grundlage von Wahrnehmungen stehen. Derselbe Eingriff kann je nach Situation ganz unterschiedliche Wirkungen haben. Ein Bemühen um umfassende Wahrnehmung muss unseren Überlegungen vorausgehen. Der Naturbeobachter weiß, dass es ohne emotionale Beteiligung, d.h. Begeisterung, nichts zu entdecken gibt4. Verschaffen Sie sich eine Grabegabel und schauen Sie, was zwischen Ihren Bäumen und deren Wurzeln los ist. Sie müssen es irgendwie schaffen, sich von dem, was Sie dort finden, berühren zu lassen. Der Zugang, den wir so auf die allerpersönlichste Weise gewinnen, gibt dann die Wahrnehmungen frei, auf denen wir dann ganz und gar wissenschaftlich unsere Überlegungen aufbauen.


1 Moorböden sind immer schwarz - wegen des Torfs, auch wenn sie schlecht sind.
2 SCHELLER, E., FRIEDEL, J. K. (2000): Amino acids in soils, humic substances and soil microbial biomass.
3 Friedrich Wenz, Sepp Braun u.a.
4 Gerald Hüther, div. Vorträge bei Youtube




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